Kluge Ideen für Europa

Wie können die EU und ihre akademische Welt auf Herausforderungen wie die Corona-Pandemie, den Klimawandel und den EU-Austritt des Vereinigten Königreichs reagieren? Antworten gab das hybrid ausgerichtete Alumnitreffen „Europa gestalten – Europa stärken: Ideen für Europa“ zur deutschen EU-Ratspräsidentschaft. Es fand gleichzeitig live in Berlin und im Internet statt.

Spannender Austausch der Gäste im Quadriga-Forum Berlin.

Gedanken kennen keinen Grenzen. Das gilt auch in Zeiten der Corona-Krise: Angesichts der Pandemie konnte das Alumnitreffen zur deutschen EU-Ratspräsidentschaft nicht als große Veranstaltung in Berlin stattfinden, doch mit dem stattdessen gewählten hybriden Format erreichte der Austausch neue Dimensionen. Mehr als tausend Alumni aus allen Staaten der Europäischen Union nahmen online teil und brachten sich über ein Abstimmungstool und einen Live-Chat in den Dialog im Berliner Quadriga Forum ein. „Europa ist ein Raum, den es zu gestalten gilt“, sagte Dr. Andreas Görgen, Leiter der Abteilung Kultur und Kommunikation im Auswärtigen Amt, in seiner Eröffnungsrede. Konkrete Ideen dazu stellten DAAD-Alumni in einem Video vor.

Moderator Jens Krepela präsentiert den Film der Alumnibotschaften „An Idea for Europe“.

Eine Alumna aus Estland regte in ihrem Beitrag ein europäischen Pfandsystem an, ein Alumnus aus Griechenland größere Transparenz bei EU-Entscheidungen. Und zwei finnische Alumnae schlagen einen kulturellen Online-Vorbereitungskurs für Erasmus+ Studierende mit Sprachlehrerinnen und Sprachlehrern im Zielland vor.

An Idea for Europe

https://www.youtube.com/watch?v=9kbyb6UbfDI

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Andreas Görgen machte deutlich: Es geht weder ohne das Engagement der Einzelnen noch ohne den passenden politischen Rahmen. „Wenn wir sagen, akademische Bildung ist die Grundlage für die Fortentwicklung einer Gesellschaft, dann brauchen wir einen Freiheitsraum der Wissenschaft, der geschützt ist vor der Politik und für den sich die Gesellschaft verantwortlich fühlt.“ Die DAAD-Alumni hätten sich auf den Weg gemacht und die Auseinandersetzung mit ihrem Wissen und mit sich selbst gesucht. „Dafür möchte ich Ihnen danken.“

Freiheit des Studienortes

„Die an den Hochschulen gelebte Europäisierung muss in die Gesellschaft hineingetragen werden“, sagte DAAD-Generalsekretärin Dr. Dorothea Rüland. Die Möglichkeiten dazu gibt es, und sie faszinieren an der Europäischen Union besonders: Die Freiheit zu grenzenlosem Reisen, Arbeiten und Studieren in der EU wurde in einer Live-Online-Abstimmung zu den Stärken der EU mit deutlichem Vorsprung auf den ersten Platz gewählt, gefolgt von der Möglichkeit, gemeinsam an den Herausforderungen der Zukunft zu arbeiten.

DAAD-Generalsekretärin Dr. Dorothea Rüland und Dr. Andreas Görgen, Leiter der Abteilung Kultur und Kommunikation im Auswärtigen Amt, diskutieren auf dem Podium.

„Nie war international vernetzte Wissenschaft so wichtig wie heute“, unterstrich Dorothea Rüland mit Blick auf die Entwicklung eines Impfstoffs gegen Covid-19. Aber wie die Corona-Krise die europäischen Gesellschaften unter Druck setze, so sei auch die Freiheit der Wissenschaft mancherorts bedroht. „Angesichts mancher Entwicklungen in EU-Mitgliedstaaten ist es wichtiger denn je, die Autonomie der Hochschulen auch innerhalb Europas zu verteidigen“, so Rüland.

Europäische Hochschulnetzwerke

Der DAAD stärkt den europäischen Austausch mit der Förderung von 46.600 Erasmus-Studierenden aus Deutschland und  mehr als 6.000 Individualstipendien im Jahr. Er ist auch an der von Frankreichs Präsident Emmanuel Macron angestoßenen Initiative zu bereits mit zwei Ausschreibungsrunden beteiligt. Gefördert werden Zusammenschlüsse europäischer Hochschulen, in denen unter anderem Digitalisierung und die Zusammenarbeit mit der Gesellschaft besonders intensiv gepflegt werden.

Fragen der europäischen Solidarität

Gestalterinnen und Gestalter des modernen Europas aus Politik und Wissenschaft waren in Berlin auf dem Podium vertreten. Professor Verena Blechinger-Talcott, Vizepräsidentin der Freien Universität (FU) Berlin, Katrin Staffler, Abgeordnete des Deutschen Bundestags, und Michael Bloss, DAAD-Alumnus und Mitglied des Europäischen Parlaments, diskutierten mit dem aus Brüssel zugeschalteten Siegfried Mureşan, rumänischer DAAD-Alumnus und Mitglied des Europäischen Parlaments.

Über Europas Herausforderungen diskutierte Moderator Jens Krepela mit der Bundestagsabgeordneten Katrin Staffler, der Vizepräsidentin der Freien Universität Berlin Verena Blechinger-Talcott, dem Abgeordneten des Europäischen Parlaments Michael Bloss und dem aus Brüssel zugeschalteten Abgeordneten Siegfried Mureşan.

Moderator Jens Krepela sowie virtuell teilnehmende und physisch anwesende Alumni stellten den Podiumsgästen drängende Fragen zu den aktuellen Herausforderungen der Europäischen Union. Das Thema Migration stand dabei vor allem bei den virtuellen Teilnehmern ganz oben auf der Liste. Über den Chat erreichte das Podium beispielsweise die Frage, warum Europa in der Flüchtlingskrise nicht stärker die Aufnahmebereitschaft einzelner Kommunen nutze. Katrin Staffler machte mit ihrer Antwort deutlich, dass europäische Solidarität auch in diesem Fall erst einmal erarbeitet werden müsse: „Wir brauchen eine gemeinsame Lösung für ganz Europa. Nur so können wir diese Herausforderung bewältigen.“

Für Michael Bloss birgt zu langes Zögern stattdessen die Gefahr, dass die EU und ihre Werte unglaubwürdig werden könnten. Er lobte den Einsatz der Freien Universität Berlin, geflüchtete Akademikerinnen und Akademiker aufzunehmen. „Das ist ein tolles Symbol dafür, was Europa sein kann.“

Ein weiteres wichtiges und auch an diesem Abend viel diskutiertes Themenfeld für die europäische Zusammenarbeit ist der Klimaschutz. „Stop talking, take action“ forderten die teilnehmenden Alumni über das Umfragetool. Um diese „action“ voranzutreiben, müssten laut Michael Bloss noch mehr EU-Gelder mobilisiert werden und härtere Bedingungen für Mitgliedsstaaten bei der Verwendung dieser gelten. Siegfried Mureşan betonte, dass der Klimaschutz auch in Zeiten von Corona nicht vernachlässigt werden dürfe. Die EU müsse ihren Beitrag leisten und das werde sie tun. Die Freie Universität Berlin beschäftigt sich seit vielen Jahren mit dem Thema, hat ein effektives Nachhaltigkeitsmanagement etabliert und als erste deutsche Universität 2019 den Klimanotstand ausgerufen. „Das ist das Thema, das unsere Studierenden am meisten bewegt“, sagte FU-Vizepräsidentin Blechinger-Talcott.

Auf Grund der Corona-Pandemie galt für die Teilnehmenden in Berlin ein strenges Hygienekonzept.

Auch im Europäischen Hochschulnetzwerk UNA Europa geht die FU gemeinsam mit ihren sieben Partnerhochschulen den Klimaschutz an. Eines der größten Projekte des Netzwerks ist die Etablierung eines gemeinsamen Bachelorstudiengangs im Bereich Nachhaltigkeit. Mit der Universität Edinburgh ist auch eine britische Hochschule Teil des UNA-Netzwerks. Dass der europäische Hochschulaustausch den EU-Austritt Großbritanniens überstehen kann, veranschaulichte Siegfried Mureşan mit einem bildlichen Vergleich: „Wir sind nach dem Brexit nicht mehr verheiratet, wollen aber Freunde bleiben.“ Zugleich dürfe Solidarität mit Großbritannien nicht dazu führen, „dass europäische Regeln nicht mehr gelten“. Es gehe nur gemeinsam. Oder, wie es Katrin Staffler zusammenfasste: „Wir alle profitieren davon, wenn wir auch zukünftig zusammenarbeiten.“

Dr. Heidi Wedel vom Alumnireferat des DAAD betreute den Chat mit den virtuell zugeschalteten Alumni.

Europa sieht sich in der Welt zunehmend schwierigen Beziehungen gegenüber. Sowohl Alumni als auch das Plenum betonten die Bedeutung einer europäischen Einheit, die sich auf ihre Werte wie Rechtsstaatlichkeit und Demokratie besinnt und diese weiterträgt. Damit leiste Europa einen Beitrag zur Stabilisierung anderer Länder, besonders in der direkten Nachbarschaft. Laut Verena Blechinger-Talcott biete vor allem die Wissenschaft die Möglichkeit, wichtige Verbindungen auch zu „schwierigen“ Ländern aufrecht zu erhalten. Wenn die Kommunikation auf politischer Ebene einfriere, so bleibe der Austausch über die Wissenschaft oft noch möglich und fruchtbar. Dialog und Solidarität seien die wichtigsten Prinzipien im Umgang diesen Ländern. Prof. Blechinger-Talcott sagte: „Man darf die Tür nicht zuschlagen“ und „Wissenschaft muss grenzenlos möglich sein“. Zudem müssten Personen aus dem Wissenschaftsbereich in diesen Ländern unterstützt werden. Michael Bloss betonte, dass derzeit viele globale Errungenschaften, vor allem gemeinsam geschaffene Werte, verloren gingen. Die EU könne in der Welt noch der Ort sein, der diese Werte nicht nur verspreche, „sondern auch lebt“.

Johannes Göbel, 6. Oktober 2020

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